Searching for red Lederhosen

Bavaria for bloody beginners, oder: Das Museum der Bayerischen Geschichte ist eins für Japaner und Chinesen.

Eine Glosse von Paul Casimir Marcinkus

Regensburger-digital vom 29.08.2019

„Die vier Evangelisten waren folgende drei: der Petrus und der Paulus.“ Der kleine Maxl hat die vier Evangelisten natürlich nicht parat, die einzigen Heiligen, die ihm überhaupt einfallen, sind der Petrus und der Paulus, aber vielleicht lässt sich der Religionslehrer ja hinter die Fichte führen, wenn er, der Maxl, bevor er diese beiden Namen sagt, schon mal von vier auf drei reduziert – dann fällt die Schummelei, dass er, statt der gefragten vier nur zwei nennen kann, vielleicht nicht so auf. Dass die zwei auch noch die falschensind, mei, in der Religion ist doch auch sonst nicht alles ganz knusper, dawerden Jungfrauen schwanger und schwimmen Heiligenstatuen flussaufwärts…

Wie viele Wellbrüder passen zum offiziellen Bayern?

In der Welt der Religion ist das noch stimmig, dass ein Satz mit vier Personen anfängt und am Ende nur noch zwei übrig sind. Aber wenn zum Beispiel im British Museum ein Foto von Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr zu sehen wäre und darunter stünde: „The Beatles“, dann würde das niemand lustig finden. Was das jetzt mit dem Museum der Bayerischen Geschichte zu tun hat? Erstens führt sich das Museum der Bayerischen Geschichte so auf, als wäre es das British Museum. Und zweitens hat das Museum der Bayerischen Geschichte letzthin eben das fertiggebracht. Nein, nicht mit den Beatles, aber immerhin mit der Biermösl Blosn.

Da war die ersten Wochen seit Eröffnung des Museums, fast ein Vierteljahr lang, ein Foto mit zwei jungen Musikern auf der Bühne zu sehen. Beide trugen eine knallrote, superenge, verboten kurze Lederhose. Und darunter stand zu lesen: „Die Biermösl Blosn“. Wie bitte? Die Biermösl Blosn, nur zwei? Das nennt man kreative Geschichtsschreibung!

Bavaria for bloody beginners: die Biermösl Blosn bestand aus d r e i Wellbrüdern, Michael, Christoph und Hans Well. Auf dem Foto im British – pardon: Bavarian Museum waren aber nur die ersten beiden zu sehen. Am linken Bildrand war noch eine Hand an den Tasten eines Akkordeons zu erkennen. Genau, die Hand gehörte Hans Well.

Gepinselte Wahrheiten

Dass unliebsame Personen aus Fotos herausretouschiert werden, das kennt man. Aus totalitären Staaten. Stalin ließ Trotzki und Kamenew aus einem Foto herausoperieren: sie sollten nicht mehr existieren, noch bevor Stalin sie ermorden ließ. Berlusconi ließ den nackten Busen der „Wahrheit“ auf einem Gemälde von Tiepolo überpinseln; das Gemälde hing in dem Saal, in dem die Pressekonferenzen der Regierung stattfanden – ein nackter Busen im Zusammenhang mit Berlusconi, das fand der Cavaliere sehr unpassend.

Dass Trotzki und Kamenew unter Stalin auszumerzende Personen waren, das liegt auf der Hand, genauso wie Berlusconi Grund dazu hatte, sich als Saubermann darzustellen. Aber warum musste Hans Well, Jahre nach der Auflösung der Biermösl Blosn, vom offiziellen Bayern ausradiert werden?

Republik als Betriebsunfall

Wer diese Frage stellt, der kennt das Hörbuch „Rotes Bayern“ von Hans Well nicht. In diesem Monate vor Eröffnung des Museums der Bayerischen Geschichte erschienenen Hörbuch führt Gisela Schneeberger vorab schon mal durch den Museumskeller, wo die seit hundert Jahren verrammelte Abstellkammer „Revolution 1918/19“ besichtigt wird. Rumpelkammer: das entspricht genau dem, wie die Revolution 1918/19 jetzt im Museum dargestellt wird.

Die Geburt der Republik, anderswo gefeiert, gilt in Bayern hundert Jahre danach immer noch als Betriebsunfall. Kurzum: das Museum der Bayerischen Geschichte wurde durch Hans Well bereits a priori in schlechtes Licht gerückt. Grund genug, ihn aus dem Bild zu nehmen, sprich: ihn kurzerhand herauszuschneiden.

Es geht um den Knalleffekt

Das Museum der bayerischen Geschichte würde das natürlich vehement abstreiten. Und es ist sogar möglich, dass gar keine direkte böse Absicht dahinterstand. Denn auf vielfache Beschwerden hin wurde der herausretouschierte Hans Well jetzt wieder hineinretouschiert, und siehe da: Er trägt da (nämlich beim Auftritt der Biermösl Blosn beim WAAhnsinns-Festival in Burglengenfeld 1986) im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern keine superenge, knallrote kurze Lederhose.

Allein darum geht‘s dem Museum der Bayerischen Geschichte aber; ein Exemplar dieser superengen, knallroten kurzen Lederhose ist schließlich hinter Glas im Original ausgestellt. Und das Bildsuchprogramm der Museumsmacher war halt einfach auf dieses Asservat eingestellt, sodass Hans Well, der eine normale lange Hose anhatte damals in Burglengenfeld, schlicht aus dem Raster fiel.

Merke: im Museum der Bayerischen Geschichte geht’s um den Knalleffekt, ums Klischee, um die rote Krachlederne. Und nicht um solche Institutionen, wie die Biermösl Blosn eine war. Das Museum der Bayerischen Geschichte ist ein Museum für Japaner und Chinesen. Und für Bayern, die sich gern mit ihrem eigenen Klischee abspeisen lassen.