Vor 100 Jahre wurde der Freistaat Bayern von Kurt Eisner ausgerufen

Im Pfarrheim wird scharf geschossen

„Wellbappn“ nehmen in Mering kein Blatt vor den Mund. Das Aktionsbündnis gegen die Osttangente hatte zur Veranstaltung im ausverkauften Papst Johannes-Haus eingeladen.

VON PETER STÖBICH

Foto: Peter Stöbich

Augsburger Allgemeine vom 14.10.2018

Es ist zwar eine zufällige, aber passende Ironie, dass Bayerns beste Spott-Truppe wenige Stunden vor der Landtagswahl vor einem kitschig gemalten Gebirgsmassiv auftritt, das den Hintergrund für eine Theateraufführung des Meringer Trachtenvereins bildet. Im Tal ist auf der Bühne ein kompletter Musikladen aufgebaut mit Akkordeon, Geige, Gitarre, Kontrabass, Saxofon, Trompete und Tuba. 

So geht es den ganzen Abend lang weiter mit einem topaktuellen Programm, geistreich und genial, witzig und wortgewandt. Abgesehen von einigen bekannten Stücken wie dem Straßenbahnschienenritzenreiniger greift das Quartett alles an und auf, was die Schlagzeilen beherrscht: Asylpolitik, Diesel-Skandal, Digitalisierung, Klimawandel, Seehofer und Söder.

Dass es schon ein halbes Menschenleben her ist, seit Hans Well mit seinen Brüdern die erste Langspielplatte in der Münchner Kleinkunstbühne „Muh“ aufgenommen hat, mag man kaum glauben. Denn auch im Rentenalter wirkt er noch so frisch und frech wie zu den besten Zeiten der mittlerweile aufgelösten „Biermösl-Blosn“.

Die Well-Brüder Michael und Christoph aus der früheren Formation vermisst das Publikum nicht, denn Sarah, Tabea und Jonas haben das Talent ihrer legendären Musiker-Familie geerbt. Mit ihrem „Derblecken“ stehen die Wellbappn in der Tradition des Kraut’n Sepp und des Roider Jackl, die schon lange vor den Biermösln ihren Spott musikalisch verpackt haben. Überall findet Hans Well seine Themen und ruht sich nicht auf dem Erfolg von vier Jahrzehnten aus, sondern aktualisiert sein Programm bis zu Themen wie Snapchat oder Youporn.

Der Gruppenname paßt perfekt, denn er hat nichts mit Wellpappe zu tun, sondern steht im Dialekt für ein vorlautes Mundwerk: „A gfotzate Bappn“, sagen die (Ober-)Bayern. Mal hinterfotzig, mal ganz unverblümt bringt der ehemalige Lehrer mit seinen Kindern auf die Bühne, was ihm im Freistaat alles stinkt. 

Beim Auftritt in Mering bekommen unter anderem Politiker und Pfarrer, überbesorgte Mütter und kinderhassende Lehrer ihr Fett weg. Verpackt sind die satirischen Texte zum Beispiel in einen Zwiefachen, was manchen bissigen Kommentaren etwas von ihrer Schärfe nimmt. Oder wenn die Meringer den Refrain „Alohahe“ mitsingen dürfen, ist es einfach nur lustig im Pfarrheim. Immer wieder frotzeln die Jungen ihren Vater, wenn er mal einen Texthänger hat oder die falsche Tonart anstimmt – das Publikum lacht dazu und applaudiert.

Entspannung vom Pointenfeuerwerk gönnen die Musiker sich und den Zuhörern gelegentlich mit instrumentalen Stücken. Wenn Sarah und Tabea aufgeigen, ist es mucksmäuschenstill im Pfarrsaal und niemand merkt, dass sich Tabea mit einer heftigen Grippe durch den Abend kämpft. Höchster Respekt für den 65-jährigen und seinen Nachwuchs, denn die vier könnten es sich mit seichter Comedy und ein paar G‘stanzln leichter machen.

Doch sie nehmen kein Blatt vor den Mund und machen in Mering deutlich, warum ihre Wut gegen Heuchelei, Profitgier, Waffenlieferungen und sonstige Sauereien notwendig ist. Tosender Beifall im Pfarrheim für solch mitreißendes Kabarett auf höchstem Niveau.

"Nach der Wahl wird von Bayern aus ein Raumschiff starten"

Verkehr, Energie, Flüchtlinge: Wo die CSU besonders konservativ sein will, vergrault sie Wähler, sagt Ex-Biermösl-Blosn Hans Well. Der Musiker vertritt das andere Bayern. Interview von Tobias Timm ZEIT ONLINE vom 09.Oktober 2018

Hans Well wohnt mit seiner Frau in einem alten, von ihm selbst sorgsam restaurierten Haus im oberbayerischen Zankenhausen. Die Sonne scheint, in der Ferne sieht man die Alpen mit der Zugspitze, der Ammersee ist ganz nah. Den "blassen See" habe Lion Feuchtwanger den Ammersee in seinem Roman "Erfolg" genannt, sagt Well dem Besucher in einem Hochdeutsch, aus dem er dann und wann doch in ein auffallend melodisches Bayerisch verfällt. Der Roman sei für ihn das Beste, was jemals über Bayern geschrieben wurde. Ein Höhepunkt in Hans Wells bisheriger Karriere war deshalb auch der Auftritt mit seiner ehemaligen Band Biermösl Blosnund dem Schauspieler Jörg Hube in Feuchtwangers Exil-Villa Aurora in Los Angeles. Von 1976 bis 2012 sind Hans Well und seine beiden Brüder Stofferl und Michael als Biermösl Blosn in Bierzelten und den größten Theatern von München, Wien und Berlin aufgetreten. Der Vater der Brüder, ein Hauptschullehrer aus der bayerischen Provinz, hatte seinen insgesamt 15 Kindern das Musizieren beigebracht. Seit einigen Jahren tritt Hans Well nun mit seinen eigenen drei Kindern unter dem Namen "Wellbappn" auf.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich in ihren  Liedtexten jahrzehntelang an der allmächtigen  CSU abgearbeitet. Nun rangieren die Schwarzen in Umfragen weit unter 40 Prozent. Können Sie dem Rest der Republik erklären, was da los ist?

Hans Well: Kaum etwas hat der CSU so geschadet wie ihr radikales Auftreten in der Migrationsfrage. Das Reden über die Flüchtlinge hat nur der AfD geholfen. In  Bayern gibt es viele Flüchtlingshelfer, auch aus dem kirchlichen Umfeld. Die hat die CSU damit verloren. Da hat auch das Kreuzevent vom Söder nichts geholfen.

ZEIT ONLINE: Sie meinen den Kreuzerlass, nach dem in bayerischen Behörden ein christliches Kreuz im Eingangsbereich aufgehängt werden soll …

Well: Die Kirche hat das, ganz richtig, als Wahlkampfmaßnahme eingestuft. Zwischen der CSU und den meisten Bischöfen und Kardinälen herrscht Entfremdung. Selbst alte Respektspersonen aus der CSU wie  Alois Glück haben sich gegen die Migrationspolitik von Seehofer und Söder gewendet.

ZEIT ONLINE: Sie haben  Markus Söder mal als Schmutzler bezeichnet.

Well: Nein, das kommt vom Seehofer. Und ich glaub, er weiß, warum er ihn so nennt. Wie der Söder den Seehofer mithilfe der  Jungen Unionletztes Jahr in Erlangen an die Wand gefahren hat: Seehofer ist zwar nicht nachtragend, aber vergessen tut er nix. Es könnte gut sein, dass Seehofers unpopuläres Verhalten in Sachen Chemnitz oder Maaßen ein einziger Rachefeldzug war. Er marodiert vor sich hin. Nach der Wahl wird von Bayern aus auf jeden Fall ein Raumschiff starten, eine Weltraummission ohne Wiederkehr, und der Kommandant heißt Seehofer.

ZEIT ONLINE: Seehofer wird die Wahl politisch nicht überleben?

Well: Er ist der Sündenbock und der ist bekanntlich kein Herdentier. Es gibt kaum einen unbeliebteren Politiker in Bayern. Seehofer wird für das Desaster der CSU verantwortlich gemacht. Dabei hat das viele Ursachen. 

ZEIT ONLINE: Welche meinen Sie?

Well: Etwa die Verkehrspolitik: Die CSU, die ja auch im Bund seit Jahren den Verkehrsminister stellt, hat da für ein Desaster gesorgt. Alles, was mit Autos zu tun hat, wird hemmungslos gefördert. Auch beim Diesel machen die CSU-Verkehrsminister massiv Lobbyarbeit für die Autoindustrie. Viele Zugstrecken in Bayern verlaufen dagegen eingleisig wie vor hundert Jahren, etwa ins Chemiedreieck Burghausen. Dafür wird eine vierspurige Autobahn durchs Isental gebaut, ein enges, idyllisches Tal. Die Windkraft haben unser ehemaliger Heimatminister Söder und Seehofer aus Naturschutzgründen gestoppt.

"Vielleicht gibt’s ein Leben nach der CSU"

ZEIT ONLINE: Was wird da gefressen?

Well: Beste Kulturlandschaft, auf die Bayern so stolz ist. Überall metastasieren Gewerbegebiete raus in die Natur. Diese Entwicklung hat viele Wertkonservative von der CSU zu den Grünen getrieben. Die stehen jetzt in den Umfragen bei 17 Prozent.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet Söder denn von Seehofer?

Well: Dass der Söder noch weniger Haltung hat. Und Seehofer selbst wurde ja als Ministerpräsident schon Drehhofer genannt, weil er öfters seine Meinung wechselte als Lothar Matthäus seine Freundinnen. Genauso räumt Söder jetzt Entscheidungen wieder ab, die er noch vor Kurzem durchgesetzt hatte. Die dritte Startbahn am Münchner Flughafen etwa, oder die Genehmigung einer Skischaukel in einem Naturschutzgebiet. Er hat sich vom Franken-Mastino zum Landesvater gewandelt, auch im Asylbereich. Weil er durch Umfragen gemerkt hat, dass das bloß der AfD hilft. Aber die Kehrtwende haben ihm die Leute nach den Parolen von den angeblichen Asyltouristen nicht abgenommen. Und die CSU-Führung ist ja auch nicht besser. Schon die Erwähnung von Namen wie Dobrindt oder Scheuer sorgt bei neutralem Publikum für brüllendes Gelächter.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht traurig für Sie als Gegner, dass die CSU jetzt so zerbröselt?

Well: Es gibt Schlimmeres. Ich lebe, seit ich denken kann, unter der Herrschaft dieser Staatspartei. Vielleicht gibt’s ein Leben nach der CSU.

ZEIT ONLINE: Sie haben gerade zusammen mit Ihrer Frau Sabeeka Gangjee-Well und Ihren drei erwachsenen Kindern ein dokumentarisches Hörspiel mit dem Titel Rotes Bayern veröffentlicht. Ist das Bayern der Revolution, die jetzt ihr 100. Jubiläum feiert, ein alter Sehnsuchtsort von Ihnen?

Well: Wir wollten die Gründer des Freistaats Bayern bekannter machen. Viele von denen sind ja für die Gründung dieses Freistaats, mit dem sich auch die CSU so gern schmückt, umgebracht worden. Besonders imponierend ist der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern, Kurt Eisner, der im öffentlichen Bewusstsein und im Schulunterricht kaum eine Rolle spielt.

ZEIT ONLINE: Eisner war Preuße, Sozialist, Jude, Feuilletonist und unfrisiert. Was fanden die Bayern an ihm?

Well: Er war glaubwürdig und hatte eine Haltung. Als überzeugter Pazifist agitierte er während des Ersten Weltkriegs gegen die Burgfriedenspolitik, zettelte Streiks in der Rüstungsindustrie an. Dafür landete er 1918 in Untersuchungshaft. Er war in den wesentlichen Dingen radikal, in den unwesentlichen ging er Kompromisse ein. Das hat sogar die Bauern überzeugt.

ZEIT ONLINE: "Der Witz ersetzt ihm fast immer das Pathos", schrieb Victor Klemperer damals über Eisner. 

Well: Sein Witz ist beeindruckend, damals redeten ja viele Politiker aus dem Zentrum und der Sozialdemokratie in einem ähnlich pathetischen Ton wie später Hitler. Eisner hingegen hatte Selbstironie. Seine Prämisse für die Revolution war: kein Blutvergießen.

"Bei der Tracht war auch die Tracht Prügel nicht weit"

ZEIT ONLINE: Die Bayern waren in Deutschland nicht nur die Ersten, die am 7. November ihren Monarchen absetzten, es gelang ihnen auch ohne Tote …

Well: Und die Revolutionäre konnten sich hier, anders als in Berlin, sieben Monate lang in unterschiedlichen Konstellationen halten. Der Acht-Stunden-Tag wurde damals eingeführt, das Wahlrecht für Frauen, man versuchte Kirche und Staat zu trennen. Die Politik der Revolutionäre in Bayern war damals sehr fortschrittlich. Gustav Landauer wollte etwa die Oper für alle etablieren, den lehrerzentrierten Unterricht abschaffen. Es ist ungerecht, dass diese Figuren heute als Spinner und Träumer beschrieben werden. Die haben immerhin die Demokratie eingeführt, mit der es nach der Monarchie noch keine Erfahrung gab.

ZEIT ONLINE: Man kennt das Bild vom Lederhosen tragenden Schriftsteller Oskar Maria Graf, von all den vollbärtigen Politikern der Räterepublik. Welche Rolle spielten die Frauen in der Revolution?

Well: Keine unwichtige. Hier am Ammersee, in Riederau, gab es sogar eine Frauenräterepublik. Der päpstliche Nuntius und spätere Papst Pius der XII. berichtete voller Sorge nach Rom, dass sich unter den Anführern der Räte in München auch Frauen von wenig beruhigendem Aussehen befänden, eine von ihnen würde sogar rumkommandieren. Als dann im Frühjahr 1919 die ersten weißen Truppen, die sogenannten Freikorps, gegen die Räterepublik vorrückten, wurden sie in Dachau von den Arbeiterinnen der dortigen Fabriken gestoppt, abgewatscht und in Züge zurück nach Pfaffenhofen gesetzt.

ZEIT ONLINE: Woran scheiterte dann doch die Revolution?

Well: Zum einen war Eisner kein Wahlkämpfer. Er verlor mit der USPD die von der KPD und den Anarchisten boykottierten Wahlen im Januar 1919 krachend. Die Versorgungslage war nach dem 1. Weltkrieg katastrophal, die Erwartungen auf eine schnelle Besserung durch die Volksregierung waren nicht realistisch. Ein Großteil des Bürgertums hatte Angst vor Enteignung. Auf dem Weg zu seiner Rücktrittsrede im Landtag wurde Eisner im Februar von dem rechtsextremen Anton Graf von Arco erschossen. Am Trauerzug nahmen über 100.000 Menschen teil, es kam zu Unruhen, einem Generalstreik, schließlich wurde die Räterepublik ausgerufen. Anfang Mai rückten dann Regierungstruppen mit den Freikorps in München ein und verübten ein überaus blutiges Massaker. Vermeintliche Kommunisten wurden in den Kellern und Hinterhöfen von Giesing, Haidhausen und anderen Arbeitervierteln einfach liquidiert. Es gibt keine genauen Zahlen, aber einige Historiker schätzen die Zahl der Opfer auf bis zu 2.000.

ZEIT ONLINE: Gerade ist ein Film über den Widerstand gegen die Atomwiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in die Kinos gekommen. War Wackersdorf ein historischer Moment, an dem die revolutionären Traditionen Bayerns wieder aufflackerten?

Well: Der Widerstand kam aus der Mitte der Bevölkerung. Wir sind da oft aufgetreten, sogar bei dem großen Festival mit 100.000 Leuten. Vor unserem Auftritt hatten die Toten Hosen gespielt, wir begannen dann mit einem Landler. Der Großteil des Publikums war fassungslos. Die hielten das für CSU-Musik. Wie sie dann die Liedtexte hörten, fingen die 100.000 an zu jubeln. Das war eine unglaubliche Atmosphäre. Bei diesem Festival ist auch die Freundschaft zu den Toten Hosenentstanden, die damals noch Punk spielten statt kritischer Schlagermusik.

ZEIT ONLINE: Würden Sie Ihre Musik auch als kritischen Schlager bezeichnen?

Well: Bestimmt nicht. Uns graust es vor Bayern-Pop. Der hat mit der Vielfalt der Volksmusik überhaupt nichts zu tun. Volkstümliche Musik ist möglichst globalisiert und einfältig in Text und Melodie. Beim Schreiben der Liedtexte war es mir wurscht, ob diese mehrheitsfähig waren. Und unsere Mischung aus Witz und Schärfe ist auch bei den konservativen Zuhörern gut angekommen. Wir wollten nicht bloß das Publikum im Wiener Burgtheater erreichen, sondern auch die Leute im Bierzelt. 

ZEIT ONLINE: Gerade werden in München die ganz großen Bierzelte abgebaut, es war Oktoberfest. Was halten sie von den Massen, die dort in Tracht hinpilgern?

Well: Mei, auch Hamburger kleiden sich gern in Lederhosen, das ist wie Fasching. Offenkundig ist die Suche nach Heimat, Identität und Ursprünglichkeit für viele ein großes Bedürfnis, auch wenn die Lederhose aus Plastik ist. Ich selbst war eher Trachtenverweigerer, habe sie mit einem militant konservativen Denken gleichgesetzt. Bei der Tracht war auch die Tracht Prügel nicht weit. Meine Kinder haben ein unverkrampftes Verhältnis dazu.

Heimatlied

Bitterböse Heimatlieder

Ein furioser Auftritt in der Schwabhausener Post: "Die Wellbappn" blasen den Bodenversieglern und Landschaftsverschandlern in Bayern den Marsch - mit beißendem Spott und virtuoser Musikalität

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Hörproben1_RotesBayern

Hörproben2_Rotes Bayern

Schaurig-schöne Reise zu den Ursprüngen

100 Jahre Freistaat: „Rotes Bayern“: Ein grandioses Hörspiel von Hans Well und den Wellbappn zum Jubiläum

Florian Sendtner

Bayerischer Staatsanzeiger vom 01.Juni 2018 

Hundert Jahre Freistaat! Während die Redenschreiber von Markus Söder jetzt schon schwitzen, was sie ihrem Chef ins Manuskript für die Gedenkfeier am 8. November schreiben sollen, hat Hans Well schon mal kräftig hingelangt. Der jahrzehntelange Leadsänger der Biermöslblosn und jetzige Kopf der Wellbappn führt in einem gut zweistündigen Hörbuch die Revolution von 1918/19 so plastisch vor Augen, dass es wehtut.

Im November diesen Jahres wollte Horst Seehofer das Museum der bayerischen Geschichte in Regensburg einweihen. Aber da kam einiges dazwischen. Erstens ein Brand auf der Museumsbaustelle, der die Fertigstellung um Monate verzögerte, zweitens ist Seehofer mittlerweile nicht mehr in der passenden Funktion für die Eröffnung. Und drittens ist ihm jetzt Hans Well zuvorgekommen. Denn der Textschreiber der Biermöslblosn, der nach deren Ende nahtlos mit seiner neuen Formation Wellbappn weitermachte, hat sich in das Museum der bayerischen Geschichte eingeschlichen, noch bevor es glanzvoll eröffnet werden konnte.

Subversiv, wie es seine Art ist, ist Hans Well in den Museumskeller eingestiegen – natürlich nur im Geiste. Und er hat eine ganze Combo von Freunden mitgebracht. Nicht nur seine komplette Familie (Familie im engeren Sinn: seine Frau Sabeeka Gangjee-Well als Co-Autorin und seine drei Kinder als Musikanten), sondern auch den Schriftsteller Gert Heidenreich und die Schauspieler Heinz-Josef Braun, Bernhard Butz, Gisela Schneeberger und Johanna Bittenbinder.

Das Ergebnis ist ein Hörbuch vom Feinsten, das in gut zwei Stunden die Geburt des Freistaats Bayern vor hundert Jahren erklärt, so amüsant wie möglich und so drastisch wie nötig. Denn die famose Gesellschaft erkundet unter der resoluten Führung von Gisela Schneeberger die Katakomben des Museums der bayerischen Geschichte, und zwar insbesondere die bislang nicht zugängliche „Abstellkammer der Münchner Revolution 1918/19“. Es beginnt mit dem Ersten Weltkrieg, mit den Eroberungshalluzinationen von König Ludwig III. (Elsass, Antwerpen), denen in der Realität nur Hunger und Tod gegenüberstehen. Fast in jeder Familie ist entweder der Vater oder ein Sohn gefallen. Die Runkelrübe avanciert zum Hauptlebensmittel, Professoren beweisen, dass Kleie denselben Nährwert hat wie Mehl, doch die Theorie „dringt nicht bis zum Magen“. Es gibt Hungerdemonsrationen und schließlich die ersten Munitionsarbeiterstreiks. Und Hans Well intoniert „Ich hatt einen Kameraden“ und später die Hungerparodie „Ich hatt einen Schweinebraten“.

Mit vielen Originaltexten von 1918/19, teils von den üblichen Verdächtigen wie Oskar Maria Graf und Felix Fechenbach, teils von nicht ganz so Bekannten wie dem Münchner Rechtsanwalt Max Hirschberg, wird das Geschehen vor hundert Jahren lebendig, und die (immer kurzen) Lieder und Musikstücke MarkeWell sorgen für beste Unterhaltung.  Da stellt jemand aus der Besuchergruppe die Frage: „Hats denn die SPD damals gleich zweimal geben?“

Es folgt die Erklärung der Spaltung der SPD in Unabhängige (USPD) und Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) 1917, und der Anführer der USPD, Kurt Eisner, der am 7./8. November 1918 entschlossen den Freistaat ausruft, wird aus ungewöhnlicher Perspektive porträtiert. Victor Klemperer, bekannt durch sein Jahrhunderttagebuch, beschreibt Kurt Eisner aus nächster Nähe so: „Der Witz ersetzt ihm fast immer das Pathos.“

Wer könnte die Verwunderung besser ausdrücken als Gisela Schneeberger mit ihrer spitzen Stimme: „Sie müssen sich des amal vorstellen: Eine Revolution in Bayern! In München! Von die Roten! 750 Jahre Wittelsbach erledigt! Ruckzuck! Aus, Äpfe, Amen!“ Und das ohne einen Tropfen Blutvergießen. Bis zur Ermordung Eisners. Von dem der Satz stammt: „Jedes Menschenleben soll heilig sein.“ Nach dem millionenfachen Töten im Weltkrieg war das kein übertriebenes Pathos. „Der Eisner und de andern geben uns des Menschenrecht / Ganz wurscht, wo oaner herkimmt, koaner is vo Haus aus schlecht“, heißt es in einem Lied.

Das klingt vielleicht simpel, aber genau das war 750 Jahre lang unverrückbare Grundlage der Gesellschaftsordnung: Knecht bleibt Knecht. Und reimt sich auf schlecht. Es ist einiges geboten in diesem halben Jahr von November 1918 bis Mai 1919. Vom Autounfall mit tödlichem Ausgang für den revolutionären Bauernbündler Ludwig Gandorfer bis zum Flugzeugabsturz, den der Schriftsteller Ernst Toller überlebt, der bei der Verteidigung Münchens gegen die Freicorps zunächst erfolgreich ist.

Doch Anfang Mai 1919 wird die bayerische Räterepublik, zu der sich der Freistaat unter dem Druck der Ereignisse fortentwickelt hat mit Stumpf und Stiel ausgemerzt. Erich Mühsams Lied vom Revoluzzer, der im Zivilstand Lampenputzer ist, feiert in einer Well-Vertonung fröhliche Urständ, und Zenzl Mühsam schreibt einen herzzerreißenden Brief an ihren allerliebsten Gatten.

Am Ende, nach der Niederschlagung der Revolution, geht Oskar Maria Graf ins Leichenhaus am Ostfriedhof. Die wenigen Gefallenen der Weißen sind blumenbeladen und mit weißblauen Bändern aufgebahrt, aber niemand geht zu ihnen. Alle strömen zu einem kellerartigen Nebengebäude, in dem die übel zugerichteten Leichen der Arbeiter auf dem Boden liegen. Graf taumelt von einem Toten zum nächsten, bei hundert hört er zu zählen auf. Es folgt das Lied vom Alten Peter und der Münchner Gemütlichkeit, die niemals ausstirbt.

Neue CD "Rotes Bayern- es Lebe der Freistaat"

Erschienen: 29.05.2018

 Gesprochen von Bernhard Butz, Johanna Bittenbinder, Gisela Schneeberger, Heinz-Josef Braun, Gert Heidenreich, Hans, Sarah, Tabea und Jonas Well.

Musik und Lieder von Hans Well und den Wellbappn mit Lukas Berk.

"Es ist vielleicht das beste neue Geschichtswerk zur Revolution 1918 in Bayern."

Dirk Walter im Münchner Merkur vom 02. Juni 2018

Den kompletten Artikel von Dirk Walter finden Sie hier: 

Eine Ehrenrettung für das Rote Bayern

Hans Well zur CD

Von der Münchner Revolution am 7. November 1918 erfuhr ich während meiner gesamten Schulzeit so gut wie nichts. Zwar lernte ich, wie blutig die Französische Revolution die Monarchie beseitigt hatte, dass aber unter der Führung von Kurt Eisner 

◊ die bayerische Monarchie ohne Blutvergießen abgeschafft, 

◊ der Freistaat Bayern gegründet, 

◊ der 8-Stunden-Arbeitstag sowie das Frauenwahlrecht eingeführt und 

◊ die Aufsicht der Kirche über die Schulen abgeschafft wurde, 

davon erfuhr man in bayerischen Schulen früher rein gar nichts. Für die Bayerische Staatsregierung passte der sozialistische Gründer offenkundig nicht ins rechte Weltbild. Dabei war die Zeit vom 7. November 1918 bis zum 1. Mai 1919 in München mit Sicherheit der interessanteste Versuch, Deutschland nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs eine neue Ordnung zu geben. Die Voraussetzungen für die Revolutionsregierungen waren denkbar schlecht, denn die hohen Erwartungen konnten in Zeiten von Not und Mangel nicht erfüllt werden. Dafür, dass Eisner und seine Mitstreiter in der Situation der militärischen Niederlage eigentlich keine Chance hatten, nutzten sie diese allerdings erstaunlich gut. 

Die Geschichte vom Sturz der Monarchie bis zum Ende der zweiten Räterepublik wurde nach der blutigen Beendigung von bürgerlichen und reaktionären Kreisen stigmatisiert und totgeschwiegen. Noch heute gilt vielen Konservativen die Sichtweise der damaligen Gegner, es hätte sich dabei um einen Revolutionsfasching weltfremder Spinner oder Träumer gehandelt, der den Bayern von landfremden Agitatoren aufgezwungen worden sei. Dabei legten diese „Spinner“ den Grundstein für unseren Freistaat, unsere Demokratie – die blutige Niederschlagung der Räteregierung durch Freicorps und Reichstruppen hingegen das Fundament für den Nationalsozialismus. Es zeugt von großer Kleingeistigkeit, dass die historischen Verdienste Kurt Eisners von der Bayerischen Regierung auch 100 Jahre später noch immer ignoriert werden. Hätten nicht so viele bedeutende Schriftsteller, die Zeugen der Vorgänge wurden, darüber geschrieben, wäre die Strategie des Verschweigens vermutlich aufgegangen. 

Die begrenzte Zeit einer Doppel-CD zwingt leider zu schmerzhaften Schnitten bei der Fülle zeitgeschichtlicher Literatur von Autoren wie Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Victor Klemperer, Heinrich und Viktor Mann, Lion Feuchtwanger und anderen. 

Immerhin titelte der Bayerische Staatsanzeiger im Januar 2018 einen Beitrag über den ersten Bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner: Ein bayerischer Held. Wir wünschen uns, dass diese zwei CDs einer breiteren Öffentlichkeit ein gerechtes Bild dieses völlig unheroischen Helden und  seiner Feinde, vermitteln können.

Hans Well & Wellbappn: Rotzfreche Biermösl 2.0 mit bitterböser Volksmusik

von Wolfgang Spitzbart

Photos Wolfgang Spitzbart

meinbezirk.at vom 16.03.2018

   

LAAKIRCHEN. Ende und Anfang in Steyrermühl: Dort, wo vor sechs Jahren die verblichene Biermösl Blosn vor ihrer Trennung ihr letztes Österreich-Abschied spielte, im Kulturzentrum Alfa, ausgerechnet dort gab es Donnerstagabend das erste Österreich-Konzert einer der beiden Nachfolgegruppen - Hans Well & Wellbappn, sozusagen Biermösl reloaded. „Das ist unsere Österreich-Premiere“, so der Biermösl-Veteran Hans Well, der gleich zu Beginn klarstellte: „Weil wir hier in einer alten Papierfabrik sind: Wellbappn, das hat nix mit Pappe zu tun, nein ihr wisst‘s schon – gemeint ist die Bappn, also das Mundwerk.“ Und was assoziert man sofort mit Bappn? Natürlich: Freche Bappn. Und so kam es dann auch: Zwei Stunden bitterböse Volksmusik, bissi-ges Kabarett, scharfe Satire. Das altbekannte Feindbild blieb erhalten - das bayerische Konglomorat aus CSU, Staatsregierung, jeweiligem Ministerpräsidenten, BayWa, Raiffeisen, Betonlobby, Kirche, Traditionsverbänden und Agrarindustrie.

           

Rotzfreich seit über 40 Jahren

Heimattümelei, Kitsch und falsch verstandene Trachtensentimentalität sind es der Familie Well so gar nicht. Rotzfrech kämpfen sie musikalisch gegen alles, was rechts steht. Ein listiges und spöttisches Ansingen gegen die bayerische Obrigkeit, dumpfbackenen Provinzialismus und trachtlerische Seligkeit. Und die Wells nehmen sich dabei auch gern selbst auf die Schaufel. Hans Well, der mit den Brüdern Christoph und Michael vor über 40 Jahren die legendäre Biermösl-Blosn gründete und mit ihr 35 Jahre lang durch die Lande zog, ist also wieder da. Mit seinen drei Kindern Tabea, Sarah und Jonas, den Wellbappn, wurde er noch kantiger, schärfer und kritischer. Schräger Wortwitz gepaart mit Hohn gegen die selbstgefällige Obrigkeit. Die vier sind aber auch außergewöhnliche Multi-Instrumentalisten, blitzschnell wechseln sie auf der Bühne die Instrumente – von der Steirischen zur Gitarre, von der Trompete zum Kontrabass, vom Akkordeon zum Saxophon, von der Geige zum Kazoo. Musikalität liegt der großen Familie Well einfach im Blut.
Schon mit dem Einstieg – ein paar bissige Gstanzln über Laakirchen und seine Lokalpolitik, über den Landeshauptmann, die österreichischen Burschenschaften - hatten die Wells die Sympathien des Publikums auf iher Seite, Beifall und Lacher. Die zogen sich durch das ganze hinreißende Programm bis zu den Zugaben.


Wellbappn Videoclip 2017

Wellbappn in Unterföhring

Photo Copyright S.Kellerer

Fürchten und Frohsinn lehren

Lachen und Nachdenken lagen beim Konzert von Hans Well und seinen Wellbappn dicht beieinander. Hans Well und seine drei Kinder boten im ausverkauften Stadtschloss ein ungewöhnliches Programm.

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Hans Well & Wellbappn – Bayern-Satire-Power vom Feinsten!

PLÄRRER

DAS STADTMAGAZIN

Dez.2016

Hans Well & Wellbappn: Das ist das Beste, was Bayern in Sachen Musik-Kabarett oder besser: Musik-Satire zu bieten hat! Well, schon immer der Kopf der verblichenen Biermösl Blosn gewesen, erwies sich in diesem Konzert als mittlerer Orkan des realsatirischen Wortwitzes – gesungen wie gesprochen. Und sein munteres Trio, bestehend aus zwei multiinstrumentalen Töchtern und Sohn an der Tuba, lässt ihn keineswegs alt aussehen. Im Gegenteil, sie ergänzen und verstärken einander mit enormer Energie und Spielfreude: Sarah, Tabea und Jonas. Glänzend die samt und sonders neuen, schön hohnlachenden Texte und Couplets von Hans Well: allesamt sehr konkrete Realsatiren darüber, wie Bayern-Insassen mit Ignoranz und Arroganz das süße Leben sauer werden lassen. Die Wellbappn: neue Meister der Moritaten über das Niedertrachtentum!

Die Wellbappn singen schön böse Lieder

von Konstanze Crüwell
FAZ von 25 Januar 2017

Aus „familiären“ Gründen ist der CDU-Politiker Ronald Pofalla als Chef des Kanzleramts zurückgetreten, um nun doch auf eine neue, gut bezahlte Aufgabe zu gieren: „Für zwei bis drei Millionen im Jahr – Poveralli, Poveralla! / Jetzt hat die Bahn im Vorstandsladen – einen Oberleitungsschaden“, prangern die Wellbappn auf der Frankfurter Kabarettbühne Die Käs solche Karrieresprünge früherer Spitzenpolitiker an, die etwa auch Pofallas Fraktionskollege Eckart von Klaeden, Ex-Minister Dirk Niebel und noch einige mehr vollführten.

Wellbappn ist der Name eines jungen bayerischen Familienquartetts, das Hans Well, langjähriger Autor und Musiker der Biermösl Blosn nach deren Ende mit seinen Kindern gegründet hat: Tabea, die 1991 geborene Tochter, studiert Geige und Volksmusik an der Musikhochschule in München; ihre zwei Jahre jüngere Schwester Sarah, Studentin im Fach Interkulturelle Kommunikation, bearbeitet bei ihren Auftritten Bratsche, Saxophon, Ukulele und Akkordeon durchaus professionell „und singt immer schöner“, wie es im Wellbappn-Flyer ganz richtig steht und es auch in der Käse zu hören war. Zu den Schwestern gesellt sich außerdem der 1996 geborene Jonas, Student der Politikwissenschaften, aber auch Musikus durch und durch, der im Alter von fünf Jahren mit dem Geigespiel seine musikalische Grundausbildung begann, der Cello und Kontrabass folgten. Sein Hauptinstrument, das er besonders gut beherrscht, ist allerdings die Trompete.

Das gute Einverständnis zwischen den Generationen bewies er, als er seinen Vater einmal mit freundlicher Ironie als „Nachwuchstalent des Rentner- und Invalidenvereins Hausens“ bezeichnete. Hans Well nahm es mit Fassung. Und einer der Höhepunkte des so unterhaltenden Wellbappn-Abends war die „Kindergartenrallye“, das von Jonas verfremdete Erlkönig-Lied: „Wer rast so früh durch Regen und Wind? / Es ist der Vater mit seinem Kind / Der Sohn sitzt hinten im Kindersitze / Der Vater fährt 180 Spitze“. So geht es weitere acht Strophen lang. Punkt acht Uhr musste das Kind im Kindergarten sein. „Sohn geht in den Kindergarten rein / Papa nach Hause ohne Führerschein.

Die Wellbappn haben sich mittlerweile als erfolgreiche und ernstzunehmende Nachfolger der Biermösl Blosn, jener legendären Kabarett-und-Musik-Band, etabliert. Denn mit ihrer oft schonungslosen Kritik an politischen Missständen und ihrer wahrhaft zu Herzen gehenden Volksmusik setzen Hans Well und seine musizierenden Kinder die Traditionen der Aufklärung und der Kultur ihrer Heimat so überzeugend fort, dass die Wellbappn als Vertreter wahren Bayerntums eigentlich von Horst Seehofer gewürdigt werden müssten. Vermutlich bietet er ihnen dann sogar das Du an.