Heimatlied

Bitterböse Heimatlieder

Ein furioser Auftritt in der Schwabhausener Post: "Die Wellbappn" blasen den Bodenversieglern und Landschaftsverschandlern in Bayern den Marsch - mit beißendem Spott und virtuoser Musikalität

Von Renate Zauscher

Süddeutsche Zeitung vom 15. Januar 2018

Schwabhausen Andere zu "derblecken", sich lustig zu machen vor allem über die Obrigkeit: In Bayern hat das eine lange Tradition. Sie reicht vom Gstanzl-Singen im Wirtshaus über die hintersinnige Ironie eines Karl Valentin bis hin zur legendären Biermösl Blosn, die jahrzehntelang das Geschehen in Bayern und über die bayerischen Grenzen hinaus mit bitterbösem Spott begleitet hat. Mittlerweile macht dort, wo die Biermösl Blosn 2012 aufgehört hat, die nächste Generation weiter. Während sich Michael und Stofferl Well Bühnen-Verstärkung von Bruder Karl geholt haben und heute als die "Brüder aus dem Biermoos" auftreten, ist Hans, immer schon der Texter und wichtigste Ideengeber der ursprünglichen Formation, seit vier Jahren mit seinen heute erwachsenen Kindern, den "Wellbappn", unterwegs. Am Samstag war Hans Well mit Sarah, Tabea und Jonas zu Gast in der Schwabhausener Post, wo sie einen fulminanten Start des Kleinkunstprogramms von Wirt Heini Kellerer ins neue Jahr hinlegten.

Schon mit ihrem Einstieg ins Programm hatten die vier Wells die Sympathien des Publikums für sich gewonnen. Ein paar respektlose Kommentare über Schwabhausen, diese "Perle im Dachauer Land", über örtliche und überörtliche Autoritäten - und schon gab es stürmischen Beifall. Vom Einzelfall kamen die "Wellbappn" dann schnell zum großen Ganzen: dem ländlichen Bayern, wo Maisfelder und Biogasanlagen das Landschaftsbild beherrschen und die Hausfrauen mit ihren SUVs ins Gewerbegebiet am Dorfrand zum Einkaufen fahren. Die Bodenversiegler und Landschaftsverschandler, die - wie etwa am Riedberger Horn - von Heimat reden und sie dem Kommerz opfern: Für Hans Well waren sie immer schon integraler Teil seines Feindbilds, und gegen sie textet und singt er nach wie vor aus vollem Herzen an. Ein prachtvolles Beispiel, was aus dieser Wut heraus entstehen kann, ist das "Pfingstlied", bei dem aus Dauerregen erst das "Bacherl" wird, das die Fahnenweihe der Feuerwehr unter Wasser setzt, und schließlich ein reißender Strom, der Laptops, Autos oder die Fahnenmutter auf dem Dach eines Carports in den Fluten versinken lässt. Zubetonierte Landschaften gehen natürlich einher mit Orten wie das beispielgebende Olching "zwischen Kreisverkehr, Umgehungsstraße, Lärmschutzwand und Müllverbrennung": ein "Heimatlied" der Wells, das in zwei Wochen in Olching Premiere haben soll.

Aber nicht nur Bayerns "Heimatminister" und der von ihm beförderte Wandel des ländlichen Bayern kommt bei Hans Well schlecht weg. Auch das Bauernsterben unter dem Motto "wachsen oder weichen" und der Milchpreis werden besungen oder "der Horst", bei dem aus der "Obergrenze" zuletzt doch eine "Untergrenze von 38 Prozent" geworden ist.

Was Wells Kommentaren zum Zeitgeschehen immer wieder etwas von ihrer Schärfe nimmt, sind die gelegentlich harmloseren, auf lustige Unterhaltung abzielenden Texte wie der von den aggressiven Müttern am Spielfeldrand, und auch der freundschaftlich lockere Ton zwischen Vater und Kindern. Aber auch der Verzicht auf Perfektion. Da bleibt schon mal Jonas oder der Vater im Text stecken - und bekommt auch dafür Beifall vom Publikum.

Vor allem aber ist es die Musikalität der vier Wells, die den Spott mildert. Eine Musikalität, die sich seit den ersten Auftritten der aus Schottland stammenden Wells in bayerischen Wirtshäusern offenbar von Generation zu Generation weiter vererbt hat. Tabea, Sarah und Jonas sind mittlerweile Multi-Instrumentalisten. Jonas wechselt zwischen Bass, Tuba und Trompete, Sarah zwischen Viola, Flöte und Akkordeon. Und Geigerin Tabea, die an der Musikhochschule München studiert, nimmt mal das eigene Instrument zur Hand, mal eine Mandoline, die Steirische oder eine afrikanische Marimba und steht zuletzt, schmal und zierlich, auf einem Schemel, um auch mit dem großen Bass fertig zu werden. Gespielt werden Landler, Zwiefache und auch das ein oder andere Stück aus Irland oder Osteuropa. Wunderbare Melodien, bei denen insbesondere Tabea zeigen kann, was in ihr und ihrer Violine steckt.

Kein Wunder, dass das Publikum in der bis auf den letzten Platz besetzten Post begeistert war. Immer wieder brandeten stürmischer Applaus und laute Bravo-Rufe auf. Wären da nicht die in wenigen Tagen anstehenden Prüfungen der Well-Kinder in ihren jeweiligen Studienfächern gewesen. Man hätte sie und den Vater sicher noch lange nicht nach Hause gehen lassen.

Hörproben1_RotesBayern

Hörproben2_Rotes Bayern

Schaurig-schöne Reise zu den Ursprüngen

100 Jahre Freistaat: „Rotes Bayern“: Ein grandioses Hörspiel von Hans Well und den Wellbappn zum Jubiläum

Florian Sendtner

Bayerischer Staatsanzeiger vom 01.Juni 2018 

Hundert Jahre Freistaat! Während die Redenschreiber von Markus Söder jetzt schon schwitzen, was sie ihrem Chef ins Manuskript für die Gedenkfeier am 8. November schreiben sollen, hat Hans Well schon mal kräftig hingelangt. Der jahrzehntelange Leadsänger der Biermöslblosn und jetzige Kopf der Wellbappn führt in einem gut zweistündigen Hörbuch die Revolution von 1918/19 so plastisch vor Augen, dass es wehtut.

Im November diesen Jahres wollte Horst Seehofer das Museum der bayerischen Geschichte in Regensburg einweihen. Aber da kam einiges dazwischen. Erstens ein Brand auf der Museumsbaustelle, der die Fertigstellung um Monate verzögerte, zweitens ist Seehofer mittlerweile nicht mehr in der passenden Funktion für die Eröffnung. Und drittens ist ihm jetzt Hans Well zuvorgekommen. Denn der Textschreiber der Biermöslblosn, der nach deren Ende nahtlos mit seiner neuen Formation Wellbappn weitermachte, hat sich in das Museum der bayerischen Geschichte eingeschlichen, noch bevor es glanzvoll eröffnet werden konnte.

Subversiv, wie es seine Art ist, ist Hans Well in den Museumskeller eingestiegen – natürlich nur im Geiste. Und er hat eine ganze Combo von Freunden mitgebracht. Nicht nur seine komplette Familie (Familie im engeren Sinn: seine Frau Sabeeka Gangjee-Well als Co-Autorin und seine drei Kinder als Musikanten), sondern auch den Schriftsteller Gert Heidenreich und die Schauspieler Heinz-Josef Braun, Bernhard Butz, Gisela Schneeberger und Johanna Bittenbinder.

Das Ergebnis ist ein Hörbuch vom Feinsten, das in gut zwei Stunden die Geburt des Freistaats Bayern vor hundert Jahren erklärt, so amüsant wie möglich und so drastisch wie nötig. Denn die famose Gesellschaft erkundet unter der resoluten Führung von Gisela Schneeberger die Katakomben des Museums der bayerischen Geschichte, und zwar insbesondere die bislang nicht zugängliche „Abstellkammer der Münchner Revolution 1918/19“. Es beginnt mit dem Ersten Weltkrieg, mit den Eroberungshalluzinationen von König Ludwig III. (Elsass, Antwerpen), denen in der Realität nur Hunger und Tod gegenüberstehen. Fast in jeder Familie ist entweder der Vater oder ein Sohn gefallen. Die Runkelrübe avanciert zum Hauptlebensmittel, Professoren beweisen, dass Kleie denselben Nährwert hat wie Mehl, doch die Theorie „dringt nicht bis zum Magen“. Es gibt Hungerdemonsrationen und schließlich die ersten Munitionsarbeiterstreiks. Und Hans Well intoniert „Ich hatt einen Kameraden“ und später die Hungerparodie „Ich hatt einen Schweinebraten“.

Mit vielen Originaltexten von 1918/19, teils von den üblichen Verdächtigen wie Oskar Maria Graf und Felix Fechenbach, teils von nicht ganz so Bekannten wie dem Münchner Rechtsanwalt Max Hirschberg, wird das Geschehen vor hundert Jahren lebendig, und die (immer kurzen) Lieder und Musikstücke MarkeWell sorgen für beste Unterhaltung.  Da stellt jemand aus der Besuchergruppe die Frage: „Hats denn die SPD damals gleich zweimal geben?“

Es folgt die Erklärung der Spaltung der SPD in Unabhängige (USPD) und Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) 1917, und der Anführer der USPD, Kurt Eisner, der am 7./8. November 1918 entschlossen den Freistaat ausruft, wird aus ungewöhnlicher Perspektive porträtiert. Victor Klemperer, bekannt durch sein Jahrhunderttagebuch, beschreibt Kurt Eisner aus nächster Nähe so: „Der Witz ersetzt ihm fast immer das Pathos.“

Wer könnte die Verwunderung besser ausdrücken als Gisela Schneeberger mit ihrer spitzen Stimme: „Sie müssen sich des amal vorstellen: Eine Revolution in Bayern! In München! Von die Roten! 750 Jahre Wittelsbach erledigt! Ruckzuck! Aus, Äpfe, Amen!“ Und das ohne einen Tropfen Blutvergießen. Bis zur Ermordung Eisners. Von dem der Satz stammt: „Jedes Menschenleben soll heilig sein.“ Nach dem millionenfachen Töten im Weltkrieg war das kein übertriebenes Pathos. „Der Eisner und de andern geben uns des Menschenrecht / Ganz wurscht, wo oaner herkimmt, koaner is vo Haus aus schlecht“, heißt es in einem Lied.

Das klingt vielleicht simpel, aber genau das war 750 Jahre lang unverrückbare Grundlage der Gesellschaftsordnung: Knecht bleibt Knecht. Und reimt sich auf schlecht. Es ist einiges geboten in diesem halben Jahr von November 1918 bis Mai 1919. Vom Autounfall mit tödlichem Ausgang für den revolutionären Bauernbündler Ludwig Gandorfer bis zum Flugzeugabsturz, den der Schriftsteller Ernst Toller überlebt, der bei der Verteidigung Münchens gegen die Freicorps zunächst erfolgreich ist.

Doch Anfang Mai 1919 wird die bayerische Räterepublik, zu der sich der Freistaat unter dem Druck der Ereignisse fortentwickelt hat mit Stumpf und Stiel ausgemerzt. Erich Mühsams Lied vom Revoluzzer, der im Zivilstand Lampenputzer ist, feiert in einer Well-Vertonung fröhliche Urständ, und Zenzl Mühsam schreibt einen herzzerreißenden Brief an ihren allerliebsten Gatten.

Am Ende, nach der Niederschlagung der Revolution, geht Oskar Maria Graf ins Leichenhaus am Ostfriedhof. Die wenigen Gefallenen der Weißen sind blumenbeladen und mit weißblauen Bändern aufgebahrt, aber niemand geht zu ihnen. Alle strömen zu einem kellerartigen Nebengebäude, in dem die übel zugerichteten Leichen der Arbeiter auf dem Boden liegen. Graf taumelt von einem Toten zum nächsten, bei hundert hört er zu zählen auf. Es folgt das Lied vom Alten Peter und der Münchner Gemütlichkeit, die niemals ausstirbt.

Neue CD "Rotes Bayern- es Lebe der Freistaat"

Erschienen: 29.05.2018

 Gesprochen von Bernhard Butz, Johanna Bittenbinder, Gisela Schneeberger, Heinz-Josef Braun, Gert Heidenreich, Hans, Sarah, Tabea und Jonas Well.

Musik und Lieder von Hans Well und den Wellbappn mit Lukas Berk.

"Es ist vielleicht das beste neue Geschichtswerk zur Revolution 1918 in Bayern."

Dirk Walter im Münchner Merkur vom 02. Juni 2018

Den kompletten Artikel von Dirk Walter finden Sie hier: 

Eine Ehrenrettung für das Rote Bayern

Hans Well zur CD

Von der Münchner Revolution am 7. November 1918 erfuhr ich während meiner gesamten Schulzeit so gut wie nichts. Zwar lernte ich, wie blutig die Französische Revolution die Monarchie beseitigt hatte, dass aber unter der Führung von Kurt Eisner 

◊ die bayerische Monarchie ohne Blutvergießen abgeschafft, 

◊ der Freistaat Bayern gegründet, 

◊ der 8-Stunden-Arbeitstag sowie das Frauenwahlrecht eingeführt und 

◊ die Aufsicht der Kirche über die Schulen abgeschafft wurde, 

davon erfuhr man in bayerischen Schulen früher rein gar nichts. Für die Bayerische Staatsregierung passte der sozialistische Gründer offenkundig nicht ins rechte Weltbild. Dabei war die Zeit vom 7. November 1918 bis zum 1. Mai 1919 in München mit Sicherheit der interessanteste Versuch, Deutschland nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs eine neue Ordnung zu geben. Die Voraussetzungen für die Revolutionsregierungen waren denkbar schlecht, denn die hohen Erwartungen konnten in Zeiten von Not und Mangel nicht erfüllt werden. Dafür, dass Eisner und seine Mitstreiter in der Situation der militärischen Niederlage eigentlich keine Chance hatten, nutzten sie diese allerdings erstaunlich gut. 

Die Geschichte vom Sturz der Monarchie bis zum Ende der zweiten Räterepublik wurde nach der blutigen Beendigung von bürgerlichen und reaktionären Kreisen stigmatisiert und totgeschwiegen. Noch heute gilt vielen Konservativen die Sichtweise der damaligen Gegner, es hätte sich dabei um einen Revolutionsfasching weltfremder Spinner oder Träumer gehandelt, der den Bayern von landfremden Agitatoren aufgezwungen worden sei. Dabei legten diese „Spinner“ den Grundstein für unseren Freistaat, unsere Demokratie – die blutige Niederschlagung der Räteregierung durch Freicorps und Reichstruppen hingegen das Fundament für den Nationalsozialismus. Es zeugt von großer Kleingeistigkeit, dass die historischen Verdienste Kurt Eisners von der Bayerischen Regierung auch 100 Jahre später noch immer ignoriert werden. Hätten nicht so viele bedeutende Schriftsteller, die Zeugen der Vorgänge wurden, darüber geschrieben, wäre die Strategie des Verschweigens vermutlich aufgegangen. 

Die begrenzte Zeit einer Doppel-CD zwingt leider zu schmerzhaften Schnitten bei der Fülle zeitgeschichtlicher Literatur von Autoren wie Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Victor Klemperer, Heinrich und Viktor Mann, Lion Feuchtwanger und anderen. 

Immerhin titelte der Bayerische Staatsanzeiger im Januar 2018 einen Beitrag über den ersten Bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner: Ein bayerischer Held. Wir wünschen uns, dass diese zwei CDs einer breiteren Öffentlichkeit ein gerechtes Bild dieses völlig unheroischen Helden und  seiner Feinde, vermitteln können.

Hans Well & Wellbappn: Rotzfreche Biermösl 2.0 mit bitterböser Volksmusik

von Wolfgang Spitzbart

Photos Wolfgang Spitzbart

meinbezirk.at vom 16.03.2018

   

LAAKIRCHEN. Ende und Anfang in Steyrermühl: Dort, wo vor sechs Jahren die verblichene Biermösl Blosn vor ihrer Trennung ihr letztes Österreich-Abschied spielte, im Kulturzentrum Alfa, ausgerechnet dort gab es Donnerstagabend das erste Österreich-Konzert einer der beiden Nachfolgegruppen - Hans Well & Wellbappn, sozusagen Biermösl reloaded. „Das ist unsere Österreich-Premiere“, so der Biermösl-Veteran Hans Well, der gleich zu Beginn klarstellte: „Weil wir hier in einer alten Papierfabrik sind: Wellbappn, das hat nix mit Pappe zu tun, nein ihr wisst‘s schon – gemeint ist die Bappn, also das Mundwerk.“ Und was assoziert man sofort mit Bappn? Natürlich: Freche Bappn. Und so kam es dann auch: Zwei Stunden bitterböse Volksmusik, bissi-ges Kabarett, scharfe Satire. Das altbekannte Feindbild blieb erhalten - das bayerische Konglomorat aus CSU, Staatsregierung, jeweiligem Ministerpräsidenten, BayWa, Raiffeisen, Betonlobby, Kirche, Traditionsverbänden und Agrarindustrie.

           

Rotzfreich seit über 40 Jahren

Heimattümelei, Kitsch und falsch verstandene Trachtensentimentalität sind es der Familie Well so gar nicht. Rotzfrech kämpfen sie musikalisch gegen alles, was rechts steht. Ein listiges und spöttisches Ansingen gegen die bayerische Obrigkeit, dumpfbackenen Provinzialismus und trachtlerische Seligkeit. Und die Wells nehmen sich dabei auch gern selbst auf die Schaufel. Hans Well, der mit den Brüdern Christoph und Michael vor über 40 Jahren die legendäre Biermösl-Blosn gründete und mit ihr 35 Jahre lang durch die Lande zog, ist also wieder da. Mit seinen drei Kindern Tabea, Sarah und Jonas, den Wellbappn, wurde er noch kantiger, schärfer und kritischer. Schräger Wortwitz gepaart mit Hohn gegen die selbstgefällige Obrigkeit. Die vier sind aber auch außergewöhnliche Multi-Instrumentalisten, blitzschnell wechseln sie auf der Bühne die Instrumente – von der Steirischen zur Gitarre, von der Trompete zum Kontrabass, vom Akkordeon zum Saxophon, von der Geige zum Kazoo. Musikalität liegt der großen Familie Well einfach im Blut.
Schon mit dem Einstieg – ein paar bissige Gstanzln über Laakirchen und seine Lokalpolitik, über den Landeshauptmann, die österreichischen Burschenschaften - hatten die Wells die Sympathien des Publikums auf iher Seite, Beifall und Lacher. Die zogen sich durch das ganze hinreißende Programm bis zu den Zugaben.


Wellbappn Videoclip 2017

Wellbappn in Unterföhring

Photo Copyright S.Kellerer

Fürchten und Frohsinn lehren

Lachen und Nachdenken lagen beim Konzert von Hans Well und seinen Wellbappn dicht beieinander. Hans Well und seine drei Kinder boten im ausverkauften Stadtschloss ein ungewöhnliches Programm.

von Birgit Kunig

Fränkischer Tag von 9.Oktober 2017

Wenn man Google fragt, wann die Wellbappn im Stadtschloss anfangen, erscheint Wellpappe Lichtenfels. Und umso lustiger ist es, wenn der Seniorchef von Wellpappe Lichtenfels (die Firma Lewell) extra gekommen ist, sich köstlich amüsiert und lauthals lacht. Im vollbesetzten, überquellenden Stadtschloss von Lichtenfels.
Aber nicht nur für lauthalses Lachen sondern oftmals das Lachen im Halse stecken lassend, dafür sorgen die vier Wellbappn aus bestehend aus dem Patriarchen Hans Well mit seinen Töchtern Tabea und Sarah und dem Sohn Jonas. 
Wer sie unter diesem Namen nicht kennt, der weiß sicher mit den Biermösl Blosn mit Kultstatus etwas anzufangen. Resultierend aus der musikalisch sehr umtriebigen Vorgeneration der Familie Well mit 15 musizierenden Geschwistern in verschiedenen Formationen hat sich Hans Well mit drei seiner mittlerweile studierenden Kinder aufgemacht, um auf Deutschlands Bühnen das Fürchten und den Frohsinn zugleich zu lehren.
Und wie: Jonas, der schöne Kontrabass spielende Trompeter, der nach eigenem Bekenntis eigentlich Biertester oder Matratzensomelier werden wollte, ist stimmgewaltig wie der Vater und tritt nicht nur in dessen Fußstapfen, sondern wächst Lied für Lied über sich hinaus.
Das Äußerere der zartgliedrigen Tabea, die eigentlich etwas mit Tieren machen wollte, vorzugsweise Metzgerin, täuscht gewaltig. Sie ist nicht nur eine virtusose akkordeonspielende Violonistin , Flötistin und Sängerin, sondern schnappt sich auch manchmal den Kontrabass ihres Bruders, der sie zur Belustigung des Puiblikums zum Zupfen auf eine Leiter stellen muss. Unter väterlicher Androhung, den Hasen zu schlachten, wenn sie nicht übt, ist sie eine hervorragende Musikerin geworden. "Hasilein ist nicht umsonst gestorben". 
Die etwas ältere Sarah, auch an Violine Saxophon und Akkordeon, zieht mit fulminanter Stimme und geradliniger Ausstrahlung und einzigartiger Aura das Publikum in den Bann. Und das gelingt von Anfang an, wenn das Quartett für die Lichtenfelser nach Gstanzlmanier ein frech frotzelndes Lied parat hat "Lichtenfels, gastronomisch fest in italienischer Hand, wo die Gschäftswelt verdirbt und d'Innnenstadt oiwei mehr ausstirbt. Weil die Stadt oide Strukturen zerfetzt, weils a Einkaufszentrum auf die grüne Wiese setzt. Wo me besser ned krank wird, weils koane Hausärzte mehr hom, wo d ie Stadt denkt, des war scho gwnandt, wenn mehr Ärzte in 3D ausdrucken kannt."
Und das sind noch die harmlosesten Textpassagen- die lustigste aber: Wo aber jedem Oberbayern oans sofort auffällt, der oberfränkische Dialekt ist der erotischste auf der ganzen Welt" Ganz Lichtenfels grölt und liegt den Bappn jetzt schon zu Füßen.

Well ist vor 40 Jahren als Musiker entnervt von Lichtenfels wieder abgezogen ist, weil die Berliner, die gerade vor Ort waren, immer nur das Kufsteinlied hören wollten. Er ist umso begeisterter, weil sich nicht nur die alten Balken des Stadtschlosses vor Wahnsinn und die Lichtenfelser vor Lachen biegen und die Fetzen fliegen.
Wenn das Quartett schräg, scharfzüngig und sarkastisch die Absurditäten und Missstände unserer Gesellschaft besingt und wortgewaltig weltverbessernd Wahrheiten des Politzirkusses entblößt. Der Spiegel, den sie dem dankbaren, oftmals mit offenem Mund sich schenkelklatschenden Publikum als Teil dieser Gesellschaft vorhalten, ist kurz vorm Zerspringen. Mit aberwitzigen anarchistischen Wortspielereien und Verballhornungen der deutschen Sprache bringen sie das Publikum restlos um den Verstand.
Der Luftkurort Lam im Bayrischen Wald muss für das Integrationslied herhalten. "Aber wenn der Araber am Arber ärber dad, fragerdä Is lam a Bad?" Und Olching "die Perle des Amperlands" mit Bauzentrum, Dönerständen, Freßnapf , Kreisverkehren, Outlethalle und Müllverbrennungsanlage als typisches Beispiel für deutsche Vorstadt Einöde und Gleichmacherei bitterböse glorifziert wird. "Mit Maisfeldern in deinen Auen und Mast mit 5000 Sauen - ob September oder Mai, ich fahr so gern and dir vorbei."
Da wird den Müttern der- Fußball-Kevins dieser Welt beim Freundschaftsspiel empfohlen, lieber eine eigene Rugby-Mannschaft zu gründen, anstelle zu beißen und zu kratzen und den Schiri als "impotente Sau" zu betiteln. Fußstampfen und fulminanter Applaus wegen Virtuosität als Jonas beim Song "Gerechtigkeit muss sein" auf dem selbergebauten Rumsbass spielt und singt:"Und Joschka Fischer, der Sozirevoluzzer, macht für die Quants den Stiefelputzer" Auch "Siggi der Wamperte und Nahles die Schlamperte und auch Markus der Hinterfotzige" werden durch den Kakao gezogen. Wahre Reinkarnation sei, wenn Trump in den Mexikanischen Slums wieder geboren würde. 
In dem verfremdeten Erlkönig-Lied: "Wer rast so früh durch Regen und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind Der Sohn sitzt hinten im Kindersitze Der Vater fährt 180 Spitze". "Sohn geht in den Kindergarten rein Papa nach Hause ohne Führerschein." wird der Pünktlichkeitswahn mancher Kindergärtnerin angeprangert.
Erst nach zwei Zugaben, unter nicht enden wollenden Applaus dürfen die Bappn wieder abziehen.

Hans Well & Wellbappn – Bayern-Satire-Power vom Feinsten!

PLÄRRER

DAS STADTMAGAZIN

Dez.2016

Hans Well & Wellbappn: Das ist das Beste, was Bayern in Sachen Musik-Kabarett oder besser: Musik-Satire zu bieten hat! Well, schon immer der Kopf der verblichenen Biermösl Blosn gewesen, erwies sich in diesem Konzert als mittlerer Orkan des realsatirischen Wortwitzes – gesungen wie gesprochen. Und sein munteres Trio, bestehend aus zwei multiinstrumentalen Töchtern und Sohn an der Tuba, lässt ihn keineswegs alt aussehen. Im Gegenteil, sie ergänzen und verstärken einander mit enormer Energie und Spielfreude: Sarah, Tabea und Jonas. Glänzend die samt und sonders neuen, schön hohnlachenden Texte und Couplets von Hans Well: allesamt sehr konkrete Realsatiren darüber, wie Bayern-Insassen mit Ignoranz und Arroganz das süße Leben sauer werden lassen. Die Wellbappn: neue Meister der Moritaten über das Niedertrachtentum!

Die Wellbappn singen schön böse Lieder

von Konstanze Crüwell
FAZ von 25 Januar 2017

Aus „familiären“ Gründen ist der CDU-Politiker Ronald Pofalla als Chef des Kanzleramts zurückgetreten, um nun doch auf eine neue, gut bezahlte Aufgabe zu gieren: „Für zwei bis drei Millionen im Jahr – Poveralli, Poveralla! / Jetzt hat die Bahn im Vorstandsladen – einen Oberleitungsschaden“, prangern die Wellbappn auf der Frankfurter Kabarettbühne Die Käs solche Karrieresprünge früherer Spitzenpolitiker an, die etwa auch Pofallas Fraktionskollege Eckart von Klaeden, Ex-Minister Dirk Niebel und noch einige mehr vollführten.

Wellbappn ist der Name eines jungen bayerischen Familienquartetts, das Hans Well, langjähriger Autor und Musiker der Biermösl Blosn nach deren Ende mit seinen Kindern gegründet hat: Tabea, die 1991 geborene Tochter, studiert Geige und Volksmusik an der Musikhochschule in München; ihre zwei Jahre jüngere Schwester Sarah, Studentin im Fach Interkulturelle Kommunikation, bearbeitet bei ihren Auftritten Bratsche, Saxophon, Ukulele und Akkordeon durchaus professionell „und singt immer schöner“, wie es im Wellbappn-Flyer ganz richtig steht und es auch in der Käse zu hören war. Zu den Schwestern gesellt sich außerdem der 1996 geborene Jonas, Student der Politikwissenschaften, aber auch Musikus durch und durch, der im Alter von fünf Jahren mit dem Geigespiel seine musikalische Grundausbildung begann, der Cello und Kontrabass folgten. Sein Hauptinstrument, das er besonders gut beherrscht, ist allerdings die Trompete.

Das gute Einverständnis zwischen den Generationen bewies er, als er seinen Vater einmal mit freundlicher Ironie als „Nachwuchstalent des Rentner- und Invalidenvereins Hausens“ bezeichnete. Hans Well nahm es mit Fassung. Und einer der Höhepunkte des so unterhaltenden Wellbappn-Abends war die „Kindergartenrallye“, das von Jonas verfremdete Erlkönig-Lied: „Wer rast so früh durch Regen und Wind? / Es ist der Vater mit seinem Kind / Der Sohn sitzt hinten im Kindersitze / Der Vater fährt 180 Spitze“. So geht es weitere acht Strophen lang. Punkt acht Uhr musste das Kind im Kindergarten sein. „Sohn geht in den Kindergarten rein / Papa nach Hause ohne Führerschein.

Die Wellbappn haben sich mittlerweile als erfolgreiche und ernstzunehmende Nachfolger der Biermösl Blosn, jener legendären Kabarett-und-Musik-Band, etabliert. Denn mit ihrer oft schonungslosen Kritik an politischen Missständen und ihrer wahrhaft zu Herzen gehenden Volksmusik setzen Hans Well und seine musizierenden Kinder die Traditionen der Aufklärung und der Kultur ihrer Heimat so überzeugend fort, dass die Wellbappn als Vertreter wahren Bayerntums eigentlich von Horst Seehofer gewürdigt werden müssten. Vermutlich bietet er ihnen dann sogar das Du an.