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Fürchten und Frohsinn lehren

Lachen und Nachdenken lagen beim Konzert von Hans Well und seinen Wellbappn dicht beieinander. Hans Well und seine drei Kinder boten im ausverkauften Stadtschloss ein ungewöhnliches Programm.

von Birgit Kunig

Fränkischer Tag von 9.Oktober 2017

Wenn man Google fragt, wann die Wellbappn im Stadtschloss anfangen, erscheint Wellpappe Lichtenfels. Und umso lustiger ist es, wenn der Seniorchef von Wellpappe Lichtenfels (die Firma Lewell) extra gekommen ist, sich köstlich amüsiert und lauthals lacht. Im vollbesetzten, überquellenden Stadtschloss von Lichtenfels.
Aber nicht nur für lauthalses Lachen sondern oftmals das Lachen im Halse stecken lassend, dafür sorgen die vier Wellbappn aus bestehend aus dem Patriarchen Hans Well mit seinen Töchtern Tabea und Sarah und dem Sohn Jonas. 
Wer sie unter diesem Namen nicht kennt, der weiß sicher mit den Biermösl Blosn mit Kultstatus etwas anzufangen. Resultierend aus der musikalisch sehr umtriebigen Vorgeneration der Familie Well mit 15 musizierenden Geschwistern in verschiedenen Formationen hat sich Hans Well mit drei seiner mittlerweile studierenden Kinder aufgemacht, um auf Deutschlands Bühnen das Fürchten und den Frohsinn zugleich zu lehren.
Und wie: Jonas, der schöne Kontrabass spielende Trompeter, der nach eigenem Bekenntis eigentlich Biertester oder Matratzensomelier werden wollte, ist stimmgewaltig wie der Vater und tritt nicht nur in dessen Fußstapfen, sondern wächst Lied für Lied über sich hinaus.
Das Äußerere der zartgliedrigen Tabea, die eigentlich etwas mit Tieren machen wollte, vorzugsweise Metzgerin, täuscht gewaltig. Sie ist nicht nur eine virtusose akkordeonspielende Violonistin , Flötistin und Sängerin, sondern schnappt sich auch manchmal den Kontrabass ihres Bruders, der sie zur Belustigung des Puiblikums zum Zupfen auf eine Leiter stellen muss. Unter väterlicher Androhung, den Hasen zu schlachten, wenn sie nicht übt, ist sie eine hervorragende Musikerin geworden. "Hasilein ist nicht umsonst gestorben". 
Die etwas ältere Sarah, auch an Violine Saxophon und Akkordeon, zieht mit fulminanter Stimme und geradliniger Ausstrahlung und einzigartiger Aura das Publikum in den Bann. Und das gelingt von Anfang an, wenn das Quartett für die Lichtenfelser nach Gstanzlmanier ein frech frotzelndes Lied parat hat "Lichtenfels, gastronomisch fest in italienischer Hand, wo die Gschäftswelt verdirbt und d'Innnenstadt oiwei mehr ausstirbt. Weil die Stadt oide Strukturen zerfetzt, weils a Einkaufszentrum auf die grüne Wiese setzt. Wo me besser ned krank wird, weils koane Hausärzte mehr hom, wo d ie Stadt denkt, des war scho gwnandt, wenn mehr Ärzte in 3D ausdrucken kannt."
Und das sind noch die harmlosesten Textpassagen- die lustigste aber: Wo aber jedem Oberbayern oans sofort auffällt, der oberfränkische Dialekt ist der erotischste auf der ganzen Welt" Ganz Lichtenfels grölt und liegt den Bappn jetzt schon zu Füßen.

Well ist vor 40 Jahren als Musiker entnervt von Lichtenfels wieder abgezogen ist, weil die Berliner, die gerade vor Ort waren, immer nur das Kufsteinlied hören wollten. Er ist umso begeisterter, weil sich nicht nur die alten Balken des Stadtschlosses vor Wahnsinn und die Lichtenfelser vor Lachen biegen und die Fetzen fliegen.
Wenn das Quartett schräg, scharfzüngig und sarkastisch die Absurditäten und Missstände unserer Gesellschaft besingt und wortgewaltig weltverbessernd Wahrheiten des Politzirkusses entblößt. Der Spiegel, den sie dem dankbaren, oftmals mit offenem Mund sich schenkelklatschenden Publikum als Teil dieser Gesellschaft vorhalten, ist kurz vorm Zerspringen. Mit aberwitzigen anarchistischen Wortspielereien und Verballhornungen der deutschen Sprache bringen sie das Publikum restlos um den Verstand.
Der Luftkurort Lam im Bayrischen Wald muss für das Integrationslied herhalten. "Aber wenn der Araber am Arber ärber dad, fragerdä Is lam a Bad?" Und Olching "die Perle des Amperlands" mit Bauzentrum, Dönerständen, Freßnapf , Kreisverkehren, Outlethalle und Müllverbrennungsanlage als typisches Beispiel für deutsche Vorstadt Einöde und Gleichmacherei bitterböse glorifziert wird. "Mit Maisfeldern in deinen Auen und Mast mit 5000 Sauen - ob September oder Mai, ich fahr so gern and dir vorbei."
Da wird den Müttern der- Fußball-Kevins dieser Welt beim Freundschaftsspiel empfohlen, lieber eine eigene Rugby-Mannschaft zu gründen, anstelle zu beißen und zu kratzen und den Schiri als "impotente Sau" zu betiteln. Fußstampfen und fulminanter Applaus wegen Virtuosität als Jonas beim Song "Gerechtigkeit muss sein" auf dem selbergebauten Rumsbass spielt und singt:"Und Joschka Fischer, der Sozirevoluzzer, macht für die Quants den Stiefelputzer" Auch "Siggi der Wamperte und Nahles die Schlamperte und auch Markus der Hinterfotzige" werden durch den Kakao gezogen. Wahre Reinkarnation sei, wenn Trump in den Mexikanischen Slums wieder geboren würde. 
In dem verfremdeten Erlkönig-Lied: "Wer rast so früh durch Regen und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind Der Sohn sitzt hinten im Kindersitze Der Vater fährt 180 Spitze". "Sohn geht in den Kindergarten rein Papa nach Hause ohne Führerschein." wird der Pünktlichkeitswahn mancher Kindergärtnerin angeprangert.
Erst nach zwei Zugaben, unter nicht enden wollenden Applaus dürfen die Bappn wieder abziehen.